Weltstadt Landstuhl
Alle Reden vom Wetter, von den Finanzen und deren Metropolen in der Welt, von den Stadien der WM, aber wer weiß denn, daß Landstuhl Weltgeschichte geschrieben hat, noch immer schreibt und ohne Landstuhl die Uhren anders gehen würden?
Es war einmal ein tapferer Ritter, der hatte von seinen Eltern eine Burg nur zu einem Viertel geerbt, da er aber stets die Nase im Wind hatte und wusste, wo der Barthel den Most holt, gelang es ihm innerhalb von ein paar Jahren, die restlichen 75% zu erwerben und die Burg zu einer der stattlichsten und mächtigsten der Pfalz auszubauen.
Und weil er ein so cleveres Kerlchen war, betrieb er „die Wahl“ des neuen Kaisers Karl V., der ihm 1520 den Titel eines Kaiserlichen Rates verlieh. Auf dem Feldzug von 1519 kam es zu einer engeren Bekanntschaft mit Ulrich von Hutten; im September 1520 zog Hutten auf die Ebernburg. Die Freundschaft mit Hutten markiert einen wichtigen Wendepunkt im Leben des Franz von Sickingen. Durch Hutten wurde er mit dem Humanismus und der Reformation vertraut. Die Ebernburg wurde zur Zufluchtsstätte der Anhänger der Reformation. Martin Butzer, Kaspar Aquila, Johann Oekolampad und Johannes Schwebel fanden in den Jahren 1521-22 hier Zuflucht“
Und Ulrich von Hutten war ja bekanntermaßen neben Philipp Melanchthon einer der engsten Vertrauten eines Martin Luther, dem wir den 31. Oktober, den Reformationstag, verdanken. Und die Gastfreundschaft dieses Fränzchens ermöglichte einen regen Pendelverkehr und Austausch der Reformationsgedanken zwischen Wittenberg und Straßburg, den damaligen Zentren der neuen Lehre. Also sollten wir auch am 7. Mai daran denken, daß der am 2. März 1481 auf Burg Ebernburg bei Bad Kreuznach geborene und am 7. Mai 1523auf Burg Nanstein bei Landstuhl verstorbene Pate der Reformation und Sponsor vieles anders gelaufen wäre.
„Kaum jemand kennt Martin Bucer und doch hatte der im Jahr 1491 im elsässischen Schlettstadt geborene Mönch einen großen, heute noch spürbaren Einfluss auf die Reformation: Ohne seine unermüdlichen Anstrengungen hätte der deutsche Protestantismus womöglich politisch nicht überlebt“
„Im April 1518 nahm Martin Bucer an jener denkwürdigen Disputation teil, mit welcher der durch den Ablassstreit längst bekannte Luther seine neue Theologie der alten Universität vorstellen wollte. Bucer verdanken wir den ausführlichsten Bericht über dieses Ereignis. Er lässt erkennen, dass Bucer Luthers Gedanken seiner eigenen erasmisch-humanistischen Bildung und seinem Interesse an einem wirklich christlichen Leben einordnete, wobei dessen Voraussetzung für ihn der lutherische Christusglaube, die Überzeugung des Geborgenseins in der Liebe Gottes war
„Auf der Ebernburg wurde er für kurze Zeit Privatsekretär des antiklerikalen Ritters und Schriftstellers Ulrich von Hutten, nahm nach einer kurzen Zeit als Hofkaplan beim Pfalzgrafen Friedrich“„im Mai 1522 seinen Abschied und zog zu Sickingen, der ihm die Pfarrei Landstuhl übertrug“
"Daß niemand für sich selbst, sondern für andere leben solle und wie der Mensch das erreichen kann", war sein Motto und so „wollte er zwar nicht die Säuglingstaufe aufheben, wohl aber eine Konfirmationshandlung und mit ihr eine bewusste Entscheidung für das Christentum einführen.“ Wenn wir als heute Konfirmation feiern, sollte jeder Konfirmand auf der ganzen Welt, der sich auf die Geschenke freut, daß er diese eben jenem Matz aus Schlettstadt zu verdanken hat, ohne den es diese Feier als Aufnahme in die Gemeinde nicht gäbe.
Doch konnte er in der Wittenberger Konkordie des Jahres 1536 wenigstens die Einheit des südwestdeutschen Protestantismus mit dem Luthertum herbeiführen.
Aber als Bucer nach 1548 Straßburg verlassen und ins Cambridger Exil gehen musste, hat er auch dort in seiner letzten großen Schrift "Über das Reich Christi" eine reformatorische Neuordnung für das englische Königreich unter Edward VI. entworfen, die auf die spätere anglikanische Staatskirche Einfluss hatte.
Der nächste im Bunde, wohl angezogen durch eben jenen Franz, hat als Dank der Stadt einen seinesgleichen suchenden Aussichtsturm geschenkt, weil er sich hier so wohlfühlte, daß er gleich den ganzen Wald auf der Sickinger Höhe zu seinem Jagdrevier machte. Daß er diesen Turm seinem Freund und Kupferstecher Otto von Bismarck widmete, war damals gang und gäbe, wie das entprechende Portal zeigt. Daß dieser Turm aber auch Sinnbild und Denkmal für unseren Sozialstaat ist, wissen nur wenige.
Denn niemand sonst, als eben dieser Karl Ferdinand Stumm, ist der geistige Vater unseres Sozialsystems, das durch unfähige Politiker so in Verruf geraten ist. Denn als Königs von Saarabien wollte er logischerweise das Meiste aus seinen Leutchen rausholen. Aber dabei erkannte er sofort, daß eine Kuh, die man melken will, auch gut gefüttert werden muß. Und so verbot er als erster Schlotbaron im ganzen deutschen Reich die Kinder- und Frauenarbeit in seinen Stahlwerken in Neunkirchen, Saarbrücken, Dillingen und Ückingen an der Mosel.
Er zahlte damals Spitzenlöhne, die in der ganzen Stahlbranche weltweit ihresgleichen suchten. Er führte für seine Leute die Unfall-, Kranken- und Rentenversicherung ein. Und all dies übernahm Otto von Bismarck in die Sozialistengesetze. Und noch heute gilt die RVO (Reichsversicherungsordnung). Wenn also heute jemand die Aussicht von diesem herrlich gelegen Bismarckturm genießt, so genießt er auch die Segnungen seines Erbauers und Namensträgers unseres sozialen Netzes.
Nicht fehlen darf der Namensgeber der Straße zum Gymnasium Philipp Johann Heinrich Fauth (* 19. März 1867 in Bad Dürkheim † 4. Januar 1941 in Grünwald bei München), der Volksschullehrer und Astronom war. Bekannnt wurde er durch seine Beobachtungen des Mondes und seinen Beitrag zur Welteislehre. Fauth war ein sehr ambitionierter Amateurastronom, der den Mond intensiv beobachtete. 1932 entdeckte er einen Doppelkrater südlich des großen Kraters Kopernikus, der später nach ihm benannt wurde. Er fertigte zahlreiche Karten und einen umfangreichen Mondatlas an. An einer 3,5 m großen Mondkarte im Maßstab 1: 1.000.000 arbeitete er von 1884 bis 1940. Die Karte wurde allerdings erst 1964 vollständig veröffentlicht und gilt heute als Rarität.
Aber auch ein Lausbub hatte hier in Landstuhl all das erlebt, was er in seinen „Lausbubengeschichten“ und der "Tante Frieda" (1905 und 1907) zum Besten gibt. Denn der Schriftsteller Ludwig Thoma war einst Schüler des Franz von Sickingen Gymnasiums und hat mit Sicherheit einige seiner Streiche in Landstuhl erlebt. Die Verfilmungen dieser Stories sind mittlerweile Kult.
Wenn wir schon bei der Kunst sind, so gehören auch die unzähligen Lieder, Chöre und die Kammermusik erwähnt, die der Namensgeber des Stadthallenvorplatzes komponiert hat. Lothar Sander, der von 1903 bis 1983 lebte, hat auch zum Ruf Landstuhls beigetragen.
Dann gab es da noch viele andere, die in Landstuhl geboren, in die Welt hinauszogen, so der im hiesigen Hospital geboren Schauspieler LeVar Burton, den die Welt als Kunta Kinte in der Sklavengeschichte Roots kennt. Auch der Rockmusikus Rob Thomas erblickte hier das elektrische Licht der Welt. Wem das nix sagt, der wisse, daß Rob eine Single mit Carlos Santana aufgenommen hat und wer Santana und seine Eigenarten kennt, weiß, daß er sehr eigen ist und nur Spitzenleute neben sich duldet.
So auch Daniel Blumenthal, am 23.09.1952 in Landstuhl geboren. Nach einer musikalischen Ausbildung an der Universität von Michigan, sowie an der Juilliard School in New York und Studien in England macht Daniel Blumenthal durch seine Erfolge bei internationalen Wettbewerben für Klavier auf sich aufmerksam: Sydney, Leeds, Genf, Bozen ( Busoni) und Brüssel ( Concours international Reine Elisabeth). Er legt zudem eine sehr umfangreiche Liste von CD-Einspielungen (mehr als 70) vor. Neben seiner Tätigkeit als Interpret unterrichtet er Klavier am Brüsseler Konservatorium.
Das Letzte in unserer kleine Wanderung durch Landstuhler Geschichte sind die Brüder Dooley, die hier in der Meistermannschaft von 1981 spielten. Steven veranstaltet noch heute regelmäßige Fußballcamps im benachbarten Reichswaldstadion in Rammschde und Tom hat es sogar bis zum Kapitän der US Boy bei der WM 1998 in Frankreich gebracht. „Tom Dooley ist wohl bisher der beste Verteidiger der Vereinigten Staaten aller Zeiten. Er war ein herausragender Libero, dessen schnelle Vorstöße stets für Gefahr sorgten“. Legendär sind der Pokal 1990 und die Meisterschaft 1991 des FCK, an beiden hatte auch Tom seinen Anteil.
Und darum kann mit Fug und Recht die berühmte Inschrift an den Thermophylen, wo 480 v.Chr. eine kleine Schar Spartaner den Pass nach Griechenland gegen eine überwältigende Übermacht der persischen Armee verteidigte:
Wanderer, kommst du nach Sparta,
verkündige dorten, du habest uns
hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.
(Simonides, Übersetzung von Friedrich Schiller)
Auch so gelesen werden:
Wanderer, kommst Du nach Landstuhl,
so besteige der Burg Zinnen
ebenso den gegenüberliegenden Turm
zu erleben und zu verkündigen,
Du habest sie vor Dir liegen sehen,
diese vornehm zurückhaltende Stadt,
die Weltgeschichte mitgeschrieben hat.
Steige hinab in ihre Straßen,
durchwandere mit Bedacht ihre Gassen,
werde Dir darüber klar,
was hier ist und was war,
erkenn in ihr die Zeit
hier ganz greifbar und nie weit
auseinander liegen Freude und Leid
Triff sie alle hier an diesem Ort,
die mal hier und mal dort
in der Geschichte zugange,
ob jetzt gerade oder schon lange
stets auch durch diese Stadt
so manches in ihnen geprägt hat,
was Du bisher unbemerkt erlebt.